Fachkräfte fallen nicht vom Himmel

30.06.2019 – Ein Kommentar

Den Fachkräftemangel sollten wir nicht nur dem demografischen Wandel zuschreiben, wie häufig vordergründig behauptet wird. Das wäre etwas zu bequem. Dieser Mangel ist  ebenso wenig vom Himmel gefallen wie der heute zu beklagende Wandel unseres Klimas. Beide Entwicklungen könnten wir durchaus auch als hausgemacht ansehen. Leider neigen wir dazu, Istzustände wiederholend zu beklagen, aber deren wirkliche Ursachen eher zu verdrängen, anstatt sie rechtzeitig und selbstkritisch gründlich zu hinterfragen und bestmöglich zu korrigieren.

Die IHK Südlicher Oberrhein stellte in der Juni-Ausgabe ihrer Zeitschrift „Wirtschaft“ in einer neuen Ausgabe des in Baden-Württemberg entwickelten IHK-Fachkräftemonitors fest, dass der Mangel an qualifiziertem Personal in Baden-Württemberg von derzeit 332.000 bis 2030 auf 522.000 ansteigen würde. Er könne also gegenüber heute nochmals um über 50% anwachsen. Da gemäß dieser Statistik gleichzeitig unser Bedarf an akademisch gebildeten Menschen nur um etwa 2% steige, wird deutlich, dass wir unsere jungen Menschen weniger für akademische IT-Entwicklungsaufgaben als zunehmend für praktische Anwendungen der IT interessieren müssen. Das betrifft aber fast alle Berufsbilder.

Die IT wird nicht Arbeitsplätze verdrängen aber die mentalen wie die sozialen Anforderungen unserer beruflichen Welt auch in mittelständischen Betrieben deutlich verändern können. Auch die betriebsbedingte und zwischenmenschliche Kommunikation kann ein Spannungsfeld bewirken. In diesem Zusammenhang wird die Führungskompetenz der jeweiligen Vorgesetzten herausgefordert. Manche Mittelständler beklagen angeblich einen gewissen Mangel an Gemeinschaftssinn bei jungen Bewerbern, wobei man die Gestaltung von Teamwork  auch als Führungsaufgabe verstehen kann. Die beste Voraussetzung für erfolgreiche Teamarbeit ist aber nach wie vor, dass jedes Teammitglied zu der ihm zukommenden Teilaufgabe aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten besonders gut passt.Leider gibt es keine Pflichtausbildung für Elternpaare, deren familiäres Vorbild eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung des Gemeinschaftssinnes wäre. Nicht umsonst beruhen besonders erfolgreiche KMU nicht zuletzt auf einem ausgeprägten Familiengeist.    

Fachkräfte sind Menschen mit veranlagungsbedingten Wünschen und individuellen Talenten, die zusätzlich über eine  fachliche Ausbildung verfügen. Sie fallen aber nicht vom Himmel. Deren fachliche Kompetenz festzustellen ist relativ leicht im Vergleich zur Erkennung der möglichst optimalen persönlichen Eignung für eine zu besetzende Funktion. Die kreativen Gewinner des Jobmotors 2018 im Südwesten der IHK haben sie gefunden. Dem gebührt ein hohes Lob. Sie haben gezeigt, dass man trotz des sog. Fachkräftemangels erfolgreich rekrutieren kann, in dem man z.B. nicht nur die beruflichen Chancen aufzeigt sondern auch ein menschenfreundlicheres Arbeitsklima anbietet. Auf diesem Weg werden viele noch schlummernde tatsächliche Talente aufgeweckt, die zu ihren neuen Tätigkeiten optimal passen, also zufrieden und teamfreudig aktiv werden können. Wenn sie zur Art ihrer neuen Tätigkeit gut passen, werden sie keinen Stress empfinden und viel Freude in ihre Freizeit mitnehmen. (pht)